Mit dieser Kampagne wollen wir auf das Verhältnis von Geschlecht und Arbeit hinweisen. Wir wollen unsichtbare Arbeit sichtbar machen, zeigen wie individuelle Überforderung mit gesellschaftlichen Verhältnissen zusammenhängt und Diskussionen anstoßen, wie diese Verhältnisse überwunden werden können. Es geht um eine Kritik an vergeschlechtlichter Arbeit, um die Auflösung von Geschlechterverhältnissen und die Aufforderung zur Arbeitsverweigerung.

Geschlecht Bestreiken

#1Warum streiken? ...Zuhause

Kochen, Putzen, Waschen und nicht zuletzt die Versorgung von Kindern, Kranken und Alten gelten immer noch als Frauensache, denn diese haben angeblich ein Händchen für sowas.

Selbst in vermeintlich gleichberechtigten Haushalten, wo der Typ auch mal den Müll runterbringt, wird immer wieder betont, wie toll er doch dieser Aufgabe nachkommt, wogegen das tagtägliche Abwaschen, Aufräumen, Kinder anziehen, Pausenbrote schmieren, die Schwiegermutter anrufen usw. keiner weiteren Erwähnung bedarf. Alle fühlen sich im Vergleich zu vorherigen Generationen gleichberechtigt, Frauen machen im Haushalt trotzdem mehr. In den letzten Jahrzehnten hat sich vor allem das Reden über, nicht jedoch die Verteilung der Hausarbeit geändert.

Obwohl diese unbezahlten Arbeiten zu Hause aber notwendig für das Wohlergehen von Menschen sind, werden sie nicht als Arbeit angesehen und erfahren keinerlei gesellschaftliche Anerkennung. ‚Sowas gehört zum „Mutter“/„Ehefrau“/„Frau“/„Mitbewohner_in“ sein halt dazu’ und ‚sie macht das ja auch gerne’.

Kein Wunder also, dass gerade Menschen, die sich zusätzlich zur eigenen Existenzsicherung auch unbezahlt um andere sorgen müssen, früher oder später völlig überfordert sind, weil sie das alles nicht mehr unter einen Hut kriegen.

Vor allem in finanziell besser gestellten Haushalten wird darum oft eine bezahlte Hausarbeiterin eingestellt, die den ganzen Stress auffangen soll. In der Regel handelt es sich dabei um eine Migrant_in. Die ist nämlich nach Deutschland gekommen, um sich ein besseres Leben zu ermöglichen. Und was kriegt sie: Keine Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse, dafür aber einen weiteren Haushalt, den sie putzen, waschen und bekochen darf. Manchmal erzieht sie auch noch die Kinder der besser Verdienenden. Wer sich dabei aber wiederum um ihren Haushalt und ihre Kinder kümmert, fragt natürlich keiner.

Der individuelle Gewinn an Unabhängigkeit von ihrem Ehemann ändert leider nichts daran, dass die Haus- und Sorgearbeit weiterhin abgewertet und damit schlecht bezahlt wird und kaum Anerkennung bekommt. Die Abwertung von bestimmten Tätigkeiten geht einher mit der Abwertung von Menschen, die diese Arbeit machen, sogenannten „Ausländern“, also Personen, die nicht weiß sind oder nicht als Deutsche angesehen werden.

…40 Std.-Woche, 3 Kinder, ein Pflegefall? Mach doch Yoga!

Die Organisation von Haus- und Sorgearbeit um Alte, Kranke und Kinder erscheint meist als ein ganz individuelles Problem, das eben auch ganz individuell innerhalb der Familie gelöst werden soll. Daher ist es auch kein Wunder, dass die gegenwärtigen Lösungsansätze kaum über eine private, persönliche Ebene hinausgehen. Beispielsweise raten Frauenzeitschriften zu Entspannungsübungen und Yoga, ‚dann sieht man ihr den Stress auch nicht so an’. Vielen Dank!

Wie in einer Gesellschaft Haus- und Sorgearbeit organisiert wird und wer unter welchen Bedingungen diese Arbeit leistet ist jedoch keinesfalls eine Privatangelegenheit und darf auch nicht als Frauen-Problem abgewertet werden!

Was würde passieren, wenn alle Frauen diese Arbeit plötzlich niederlegten – wenn sie sich allesamt weigern umsonst zu kochen, zu putzen, die Kinder zu versorgen und die Alten zu betreuen? Ein solcher Streik zeigt, wie wichtig diese Arbeit für das Wohlergehen von Menschen ist. Damit drängt sich die nächste Frage auf: Warum scheint es heute mehr Wert zu sein, den ganzen Tag im Büro, in der Fabrik oder am Computer zu verbringen, statt zu Hause zu kochen, zu trösten, zu helfen, zu lieben – kurz: grundlegende menschliche Bedürfnisse zu befriedigen? Mehr Wert bedeutet hier nicht nur mehr Anerkennung von anderen, sondern auch (bessere) Entlohnung.

Irgendwas läuft hier gehörig schief. Und dieses Etwas hat mit der gesellschaftlichen Verteilung und Bewertung von Arbeit zu tun und nicht zuletzt mit der Frage…

…wie wir leben wollen.

Wir können also nicht bei der Forderung stehenbleiben, dass Männer auch mal mit anpacken.

Schon gar nicht, wenn es darauf hinausläuft, dass er sich einmal die Woche dazu herablässt, den Abwasch zu machen und dafür noch ein Fleiß-Bienchen erwartet. Selbst wenn Sorge- und Hausarbeit gerecht verteilt würde, wäre das noch lange nicht genug. Vielmehr geht es darum, dass die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen wichtiger sein muss, als das Erzeugen von Profit. Es geht um soziale Verantwortung, um eine andere – eine gemeinsam ausgehandelte – Verteilung von Zeit und um eine Neubewertung von Arbeit. Alle Menschen sollten das Recht und die Möglichkeit haben Haus- und Sorgearbeit freiwillig und unter guten Bedingungen verrichten zu können! In der Gesellschaft sollte sich nicht alles um die Organisation von Erwerbsarbeit drehen, sondern um die Befriedigung von Bedürfnissen.

#2Plakate

#3Warum streiken? …im Job

Das Konzept des Familienernährers und der Hausfrau ist heutzutage umstritten und wird wenig praktiziert. Obwohl sich die Erwerbsbiographien also angeglichen haben, ist noch lange nicht alles cool.

Von Vollzeit-Ingenieuren und Teilzeit-Erzieherinnen

Es lässt sich beobachten, dass der Arbeitsmarkt in zweifacher Hinsicht nach Geschlecht aufgeteilt ist. Auf der einen Seite lässt sich in sogenannte „Frauen-“ und „Männerberufe“ unterscheiden, auf der anderen Seite sind innerhalb gleicher Berufsgruppen Männer eher in leitenden Positionen vertreten. (Das liegt allerdings nicht daran, dass Männer von Natur aus logischer denken, technisch begabter sind und Führungsqualitäten besitzen. Und auch nicht daran, dass Frauen ‚natürlich‘ besser zuhören und auf die Bedürfnisse der Kund_innen eingehen können.)
Die Aufteilung des Arbeitsmarkts ist abhängig von historischen Veränderungen und Anforderungen der Wirtschaft. Traditionell werden Berufe, die als weniger wichtig und weniger von Qualifizierung abhängig gelten geringer entlohnt und als „Frauenberufe“ angesehen. Diese Zuschreibungen können sich jedoch verändern: Zum Beispiel galt der Beruf des Sekretärs früher, als dieser noch eine größere Anerkennung genoss, als Männerberuf. Heute hingegen ist die Sekretärin ein typischer „Frauenberuf“.
Begründet wird die Teilung des Arbeitsmarktes mit Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, also was Frauen und Männer jeweils besser können und machen. Diese Vorstellungen sind eingegangen in das Denken und Handeln von „Männern“ und „Frauen“, und obwohl sie sich in den letzten Jahrzehnten veränderten wird die Einteilung in von Frauen- und Männerberufen immer noch ganz selbstverständlich vorgenommen, .

Männer die sich diesen Zuweisungen widersetzen und in „Frauenberufen“ arbeiten (beispielsweise Erzieher), müssen ihre Männlichkeit besonders hervorheben, um nicht als ‚unmännlich‘ zu gelten und landen überdurchschnittlich oft und schnell auf der Karriereleiter eine Stufe weiter oben. Frauen, die sich diesen Zuweisungen widersetzen und in „Männerberufen“ arbeiten, müssen sich umso stärker beweisen (hart, selbstbewusst, schlau und diszipliniert) und ihre Leistung erfährt seltener Anerkennung. Ihre Aufstiegschancen sind mehrheitlich schlechter und häufig scheitern sie an der sogenannten „gläsernen Decke“ – die Führungspositionen sind fast ausnahmslos von Männern besetzt. Das dies so bleiben soll, wird auch am großen Widerstand der Unternehmen deutlich, wenn es um Frauenquoten in den Führungsetagen geht.

Von Autos und Ohren

Wie das Ehepaar Pierce in seinem der Menschheit unwürdigen Buch bereits zu wissen glaubte: Frauen können zwar nicht einparken, dafür aber gut zuhören. Und als hätten alle Erwerbstätigen in diesem Buch gelesen, wird ein solches Verhalten von den Kolleginnen erwartet. Wer organisiert die Geschenke für die Arbeitskollegen, gießt die Blumen, lockert die schlechte Stimmungen im Team auf und hat für alle Sorgen ein offenes Ohr: Die Arbeitskollegin. Leider gibt’s für diese Extra-Arbeit keine Bezahlung.
Dafür aber andere Vorzüge: Dumme Sprüche über die Kleidung und Figur. Wenn’s richtig schlecht läuft, dann glauben Kollegen und Chefs ein Anrecht zu haben, anzüglich und sexuell übergriffig zu werden. Sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz haben 28% der Frauen bereits erlebt.

Von Euros und Cents

Angesichts dieser geschlechtstypischen Arbeitsverhältnisse wundert‘s dann auch keinen, dass diese sich in der Bezahlung von Männern und Frauen niederschlagen: Frauen verdienen durchschnittlich 23% weniger als Männer, selbst wenn sie in gleichen Positionen arbeiten. Entgegen der vorgeschobenen Begründungen, hat diese Ungleichbezahlung nichts mit Unterschieden in der Qualifikation oder bei den Arbeitsschwerpunkten zu tun.

Die Situation, dass Frauen für mehr Arbeit weniger Geld bekommen wird dadurch verschärft, dass sie Zuhause in ihren heterosexuellen Partnerschaften hauptverantwortlich für den Haushalt, die Pflege und Erziehung von Familienangehörigen sind. Um dies alles bewältigen zu können, entscheiden sich viele Frauen lieber für eine Teilzeitbeschäftigung.
Dass sich diese Option kaum für Männer infrage kommt, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Männer mehr verdienen und es sich deshalb für die Familie finanziell stärker lohnt.

Und dann unterm Strich…

Die unterschiedliche Bezahlung macht Frauen stärker abhängig von ihren Lebenspartnern (die ja dann mehr Geld verdienen). Denn es wird immer schwieriger (zumal in „fortgeschrittenem“ Alter) nach einer Berufspause oder einer Teilzeitbeschäftigung eine Vollzeitstelle zu finden. Besonders dramatisch wirken sich all diese Faktoren im Rentenalter aus. Die niedrigere Bezahlung über ein ganzes Erwerbsleben hinweg sowie Pausen oder Teilzeitarbeit addieren sich zu gravierenden Unterschieden in der Rente. So sind 60% der von Altersarmut Betroffenen weiblich und Frauen haben im Alter durchschnittlich 60% weniger Geld zur Verfügung als Männer.