Klassismus ist keine Kunstepoche?!

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Klassismus ist keine Kunstepoche?!

Wir veröffentlichen einen Gastbeitrag des Kollektivs "klassismus ist keine kunstepoche" (kikk). Ursprünglich wollten wir Ende April 2020 ein Wochenendseminar mit kikk zur Auseinandersetzung mit Klassismus durchführen. Wegen Corona musste das leider abgesagt werden. Umso mehr freuen wir uns, dass uns kikk diesen Beitrag zur Veröffentlichung auf unserer Website zur Verfügung stellt.

Klassismus ist keine Kunstepoche

Der Radiobeitrag „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“ befasst sich vor allem mit dem Begriff der »(neuen) Unterschicht« und den darum existierenden medialen Berichterstattungen. Diese Berichterstattungen rund um die »Unterschicht« rücken Deutschland als Klassengesellschaft in ein neues Licht. Und zwar in eins in dem die strukturellen und finanziellen Ungleichheiten nur am Rande thematisiert werden und die Zusammenhänge zwischen der Klassenposition einer Person, und dem Verhalten auf zugeschriebene individuelle Merkmale wie Faulheit, Disziplinlosigkeit und Dummheit zurückgeführt werden.
Während in der Realität von Klassengesellschaften vor allem ein Mangel an Lebenschancen und Machtpotentialen für die Zuordnung zu den »unteren« Klassen ausschlaggebend ist, propagiert das Bild der »(neuen) Unterschicht« vielmehr die Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Personen. Dadurch verliert der Begriff Klasse und die damit einher gehenden Forderungen an gesellschaftliche Veränderungen aber an politischer Relevanz. Die medialen Debatten problematisieren nämlich nicht die Existenz sozialer Ungleichheit, sondern kritisieren allein dessen Erscheinungsform mithilfe moralisch aufgeladener Werturteile. Dass es sich bei dieser sogenannten »Unterschichtskultur« jedoch nur um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, dass die soziale Ausschließung und Diskriminierungen der »unteren« Klassen entpolitisiert und auf Selbstdisziplin oder eine Sache der Bildung abtut, findet dabei wenig Beachtung. Ganz im Gegenteil schafft diese Individualisierung auf potentielle Merkmale von Personen die Möglichkeit, ganze gesellschaftliche Klassen als nicht integrierbare Gruppen abzutun und ihnen damit die nötige Solidarität zu entziehen. Aus Angst, in die Arbeitslosigkeit zu rutschen und mit dem Klischee des faulen, fetten Arbeitslosen gesehen zu werden, lassen sich viele Menschen lieber auf die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse des Niedriglohnsektors ein.

Vorurteile gegenüber Personen, die Erwerbslos sind, Sozialhilfe empfangen oder Obdachlos sind entstehen durch Klassismus und bewirken Diskriminierung.

Während du den Radiobeitrag hörst kannst du dir folgende Fragen stellen:
Kennst du diese abwertenden Gedanken gegenüber Arbeitslosen Menschen auch von dir?
Weißt du in welcher gesellschaftlichen Klassenposition du dich befindest?
Hast du selbst schon klassistische Diskriminierung erlebt?

hier geht es zum Radiobeitrag auf youtube (dauert ca. 1h):
Radiobeitrag

Falls du mehr Interesse an dem Thema oder Austauschbedarf bekommen hast schau doch gerne mal bei unserem Klassismus-Tresen in Neukölln, jeden zweiten Dienstag imMonat (post Corona), vorbei. Die genauen Termine sowie den Ort findest du auf unserer Webseite: kikk-bildungsban.de

kikk- klassismus ist keine kunstepoche
Bildungsbande und Politgruppe
Workshops, Vorträge, Beratung und Organizing rund um's Thema Klasse und Klassismus
mail@kikk-bildungsban.de
https://kikk-bildungsban.de

Weiterführende Literatur

  • Bähr, C. / Bauschmidt, S. / Lenz, T. / Ruf, O. (Hrsg.) (2009): Überfluss und Überschreitung: Die kulturelle Praxis des Verausgabens, S. 109-123. Bielefeld: Transcript.

  • Baron, C. / Steinwachs, B. (2012): Faul, frech, dreist: die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD Leser*innen. Münster: edition assemblage.

  • Chassé, K. A. (2010): Unterschichten in Deutschland: Materialien zu einer kritischen Debatte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

  • Croissant, A. / Kneip, S. / Petring, A. (Hrsg.) (2017): Demokratie, Diktatur, Gerechtigkeit: Festschrift für Wolfgang Merkel, S.647-672. Wiesbaden: Springer VS.

  • Erler, I. (Hrsg.) (2007): Keine Chance für Lisa Simpson? Soziale Ungleichheit im Bildungssystem, S. 39-47. Wien: Mandelbaum Verlag.

  • Kemper, A. / Weinbach, H. (2016): Klassismus: Eine Einführung. (2. Aufl.). Münster: Unrast Verlag.

  • Lessenich, S. (2006): Du bist Unterschicht: Zur Remoralisierung sozialer Ungleichheit. In: PROKLA: Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, (36, 145). S. 611-614.

  • Meulenbelt, A. (1988): Scheidelinien: über Sexismus, Rassismus und Klassismus. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

  • Wischermann, U. / Thomas, T. (Hrsg.) (2008): Medien - Diversität - Ungleichheit: Zur medialen Konstruktion sozialer Differenz, S. 263-280. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Webseite zum Thema Klassismus und Corona: https://wasistklassismus.org