Decolonize Neukölln - Umbenennung der Wissmansstraße

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PostkolonialismusRassismus & Migration Decolonize Neukölln - Umbenennung der Wissmansstraße

Seit drei Jahren wird in der Bezirksverordnetenversammlung ein Antrag behandelt, der eine geschichtliche Aufarbeitung der Wissmannstraße in Neukölln zum Inhalt hatte. 2019 wurde dieser nun beschlossen. Das Ziel ist die Umbenennung der Straße. Wir, die Naturfreundejugend Berlin sind in Neukölln beheimatet und betreiben in der Wissmannstraße die Kindervilla. Als antirassistischer Jugendverband und als Anwohner*innen begrüßen wir die Entscheidung ausdrücklich. Hermann Wissmann, der Namensgeber der Straße, steht exemplarisch für Verbrechen und koloniale Gewaltausübung deutscher Kolonialtruppen und der deutschen Kolonialverwaltung in der damaligen deutschen Kolonie „Ostafrika“. Die von Wissmann angeführte Kolonialtruppe war in Verbrechen wie Massenerschießungen sowie dem Abbrennen und Plündern von Dörfern der örtlichen Bevölkerung beteiligt. Als Gouverneur war Wissmann ein hochrangiger Kolonialbeamter. Die Benennung einer Straße nach ihm und das sich darin ausdrückende ehrende Gedenken, ist nach heutigen Maßstäben nicht angemessen!

Wir schlagen als neuen Namensgeber für die Wissmannstraße den Schwarzen Sprachlehrer und antikolonialen Aktivisten Mdachi bin Scharifu vor, der während des Kaiserreichs und in der frühen Weimarer Republik in Berlin lebte und arbeitete.
Mdachi bin Scharifu stammt aus dem heutigen Tansania – der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Er lebte zeitweilig in Berlin und war dort am Seminar für Orientalische Sprachen (SOS) — einem Vorläufer des heutigen Instituts für Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität — als Lehrkraft für Kisuaheli angestellt. Schwarze Menschen wurden am Seminar diskriminiert, eine gleichrangige Stellung mit den weißen Kollegen wurde ihnen verweigert. Dennoch wird in der Forschung der immense Beitrag afrikanischer sogenannter „Sprachgehilfen“ für die afrikanistische Forschung und Lehre in Berlin hervorgehoben. So heißt es in einem wissenschaftsgeschichtlichen Beitrag zu diesem Thema: „Die deutschen Dozenten schätzten an den afrikanischen Lektoren deren breite Kenntnisse der afrikanischen Sprachen, Literatur und Oratur. Ohne sie wäre die durchaus ansehnliche Ausbildungsbilanz des Seminars vor dem Ersten Weltkrieg undenkbar.“

Mdachi bin Scharifu wandte sich in der Zeit seines Berlinaufenthaltes gegen die Diskriminierungen der schwarzen Mitarbeiter am Seminar. Er versuchte die gleichen Inflationszulagen für die Schwarzen Mitarbeiter einzuklagen und wandte sich gegen Zurückstellungen und die abschätzige Behandlung von Schwarzen Mitarbeitern des SOS.
Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Mdachi bin Scharifu für eine Demokratisierung der Kolonien und für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. So gehörte Mdachi bin Scharifu zu den Unterzeichnern der Petition von in Deutschland lebenden Schwarzen Menschen an die deutsche Nationalversammlung. Die von Martin Dibobe initiierte Petition forderte die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Kolonien, eine Abkehr von der kolonialen und diskriminierenden „Eingeborenen“-Gesetze und damit einhergehend, die rechtliche Gleichstellung der weißen und der schwarzen Bevölkerung in den bisherigen deutschen Kolonien.
Darüber hinaus entwickelte Mdachi bin Scharifu eine rege Vortragstätigkeit. Er hielt, teilweise gemeinsam mit anderen Rednern wie dem liberalen Kolonialkritiker Hellmuth von Gerlach sowie dem Pazifisten Hans Paasche Vorträge über die gesellschaftliche Realität in den deutschen Kolonien. Mehrere Veranstaltungen fanden in Berlin statt, seine Vortragstätigkeit führte ihn jedoch auch durch die gesamte Republik, unter anderem nach Hamburg, Cottbus und Erfurt.

Nach seiner Rückkehr nach Tanga engagierte sich Mdachi bin Scharifu weiter politisch und publizistisch. Er schrieb unter anderem für die kisuahelisprachige Monatszeitschrift Mambo Leo. Er engagierte sich als Mitglied, später als Präsident der Tanganyika Teachers and African Civil Servant Association (TTACSA ). In der TTACSA organisierten sich christliche und muslimische, afrikanische und arabische Lehrer und Verwaltungsangestellte. Neben kultureller Arbeit und gemeinsamer Freizeitgestaltung – die Vereinigung hatte eine Fußballmannschaft und gab eine Zeitschrift heraus — gingen aus der TTASCSA spätere auf die Dekolonisierung gerichtete Bewegungen hervor. Anfang der 1930er Jahre war Mdachi bin Scharifu zudem an der Gründung der African Association in Dar es Salam beteiligt. Aus dieser ging die spätere Tanganyika African National Union (TANU) hervor, die unter Vorsitz von Julius Nyerere, dem späteren Präsidenten, Tansanias in die Unabhängigkeit führte.

Mdachi bin Scharifu war ein Pionier. Er war einer der wenigen Schwarzen, die im deutschen Kaiserreich lebten. Ihre Anwesenheit im Land war in der kolonialen Ordnung nicht vorgesehen. Die inferiore Stellung, die ihm zugewiesen wurde, akzeptierte er nicht. Selbstbewusst forderte er gleiche Rechte und gleiche Behandlung für sich und seine schwarzen Kollegen. Nach dem Ende der Monarchie engagierte er sich in der jungen Weimarer Republik für die Beendigung der kolonialen Gewaltverhältnisse und für gleiche Rechte von Schwarzen und weißen Menschen.
Als Lehrender trug er zum wissenschaftlichen Renommee des SOS bei, auch wenn der Beitrag schwarzer Menschen bis heute unzureichend anerkannt wird. In Tansania spielte er eine Rolle in gesellschaftlichen Organisationen, die die Grundlage für die antikolonialen Bewegungen legten, die später die Dekolonisierung Tansanias errangen.
Die Benennung von Einrichtungen oder Straßen nach Mdachi bin Scharifu kann helfen, den gesellschaftlichen Beitrag und die Rolle von Schwarzen in der deutschen Geschichte und die Vielfalt der Verbindungen zwischen Deutschland und Tansania sichtbarer zu machen.

Aus diesem Grund wollen wir Mdachi bin Scharifu als Kandidaten für den/die zukünftigen Namensgeberin der Wissmannstraße in Neukölln einbringen.

  • Hermann von Wissmann, der die Menschen Afrikas mit Waffengewalt unterwerfen wollte, würde durch Mdachi bin Scharifu ersetzt, der rassistische Kolonialgewalt nie akzeptiert hat. Ein Offizier würde ersetzt durch einen Lehrer. Ein Kaisertreuer durch einen Menschen, der die Gründung der Republik und die Demokratie auf deutschem Boden lebhaft begrüßte und für eine Demokratisierung in den Kolonien eintrat.
  • Ein Mensch, der den zeitgenössischen kolonialen Rassismus vertrat, würde als Namensgeber ersetzt durch einen, der diesem entgegentrat. Ein Mann, der bis heute eine unrühmliche Bekanntheit hat, würde durch einen ersetzt, der zu Unrecht weitgehend unbekannt ist und bis heute kaum gewürdigt wird.
  • Die fortgesetzte Nichtrepräsentation von Schwarzen Menschen in einer postkolonialen Gesellschaft würde durch eine Würdigung von Mdachi bin Scharifu durchbrochen.

Es gibt bereits gute und geeignete Vorschläge anderer Initiativen. Wir sehen uns dazu nicht in Konkurrenz. Wir denken, dass es gut ist, wenn viele gute Vorschläge zur Wahl stehen. Wir finden es wichtig, dass mit der Umbenennung nicht die Erinnerung an das koloniale Erbe Deutschlands ausgelöscht wird, indem z.B. eine Person für die Benennung in Betracht gezogen wird, die in keinem Zusammenhang zu dieser kolonialen Vergangenheit steht.
Die Diskussion über die Umbenennung der Wissmannstraße sollte auch dafür genutzt werden, dass bedeutende und bis heute z.T. wenig bekannte Schwarze, afrikanische und afrodeutsche Namensgeber*innen diskutiert wird.
Sowohl in Berlin als auch in anderen Städten sind noch viele Straßen nach Personen benannt, die Männer ehren, die verantwortlich für Verbrechen und das deutsche Kolonialregime sind.


Literatur:

Chande, Abdin Noor: Islam, Islamic Leadership and Community Development in Tanga, Tansania. Dissertationsschrift. McGill University, Montreal.

Gerbing, Stefan (2010): Afrodeutscher Aktivismus. Interventionen von Kolonisierten am Wendepunkt der Dekolonisierung Deutschlands 1919. Frankfurt am Main: Lang (Zivilisationen & Geschichte, 6).

Gerbing, Stefan (2013): "Freier Mensch" oder "deutscher Afrikaner"? Politische Interventionen zwischen Novemberrevolution und Weimarer Republik. In: Black Berlin.

Lindner, Urs: Afrodeutscher Aktivismus. Mdachi bin Sharifu spricht im Erfurter Kaisersaal über „Unsere koloniale Vergangenheit“. In: Decolonize Erfurt. 29. September 2019, https://decolonizeerfurt.wordpress.com/afrodeutscher-aktivismus/, abgerufen am 12. Juli 2020 (deutsch).

Rosenhaft, Eve (2003): Afrikaner und „Afrikaner“ im Deutschland der Weimarer Republik. Antikolonialismus und Antirassismus zwischen Doppelbewusstsein und Selbsterfindung. In: Birthe Kundrus (Hg.): Phantasiereiche: Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt am Main, New York: Campus-Verl., S. 282–301.

Stoecker, Holger (2004): Afrikanistische Lehre und Forschung in Berlin 1919 - 1945. In: Rüdiger vom Bruch, Marie-Luise Bott und Andreas Eckert (Hg.): Universitäten und Kolonialismus. Stuttgart (Jahrbuch für Universitätsgeschichte, 7), S. 101–128.

Stoecker, Holger (2008): Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945. Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes. Stuttgart: Steiner.