Was ihr schon immer mal über uns wissen wolltet - die NFJ Berlin im Interview

Fragen an die Naturfreundejugend Berlin (mit freundlicher Initiative von no-nazi.net)

Hey, stell dich doch mal kurz vor.
Hallo, ich bin Alexandra und aktiv bei der Naturfreundejugend Berlin. Ich wohne in Neukölln und bin 22 Jahre alt.

Erzähl uns doch einmal wie du dazu gekommen bist dich bei NJF zu engagieren.
Eigentlich bin ich über das Sommercamp zur NFJ gekommen. Wir organisieren jedes Jahr ein Camp, wo es Workshops gibt und Zeit zum Rumhängen und so weiter. Im Sommer vor 2 Jahren habe ich rumgegoogelt, weil ich Lust hatte, auf ein politisches Camp zu fahren, und bin dabei auf die NFJ gestoßen. Natürlich war ich erstmal skeptisch, wie jede*r andere wahrscheinlich auch: Naturfreunde, das klingt ja nicht so richtig sexy, sondern eher nach Blümchenpflücker*innen und Krötenretter*innen. Aber das Workshopprogramm war klasse, also bin ich hingefahren und hab mich sofort superwohl gefühlt.

Was macht ihr hauptsächlich für Aktivitäten?
Die NFJ macht eigentlich zum großen Teil Bildungsarbeit. Es gibt ein Seminarprogramm, was jedes halbe Jahr rauskommt. Da gibt es Seminare zu den unterschiedlichsten herrschaftskritischen Themen. Letztes Jahr gab es z.B. was zu Computersicherheit , Psychiatriekritik, dem „NSU“, oder Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Außerdem machen wir wie gesagt jedes Jahr ein Sommercamp, auf dem wir eine Woche lang gemeinsam diskutieren, rumhängen und feiern. Außerdem gibt es noch die Arbeitskreise, im Moment sind es 4: zu Feminismus, zu Psychiatriektitik, zu Antirassismus und zu Antisemitismus in der DDR. Sie treffen sich regelmäßig und sind offen für alle Interessierten. Was konkret in den Arbeitskreisen passiert, ob sie eher gemeinsam lesen oder in Bündnissen mitarbeiten, oder was auch immer, hängt ganz davon ab, auf was die Leute grade Lust haben.

Was ist deine persönliche Motivation dafür, dass du dich dort engagierst? Gab es einen bestimmten Vorfall oder Moment, der dich dazu gebracht hat?
Für mein politisches Engagement insgesamt ist es sehr bedeutend gewesen, dass ich aus einem Randbezirk komme, in dem es damals ziemlich viele Probleme mit Nazis gab. Ich hatte Nazis, bzw. rechtsoffene Leute, in der Klasse, in der Nachbarschaft, im Freund*innenkreis. Irgendwann habe ich geblickt, wie krass das eigentlich ist, und habe begonnen, mich antifaschistisch zu engagieren.
Speziell bei der NFJ bin ich, weil ich heute der Meinung bin, dass antifaschistisches Engagement nicht bei Anti-Nazi-Arbeit stehen bleiben darf. Rechte Einstellungen entwickeln sich in einer Gesellschaft, die nicht frei ist von den üblichen -ismen. Nazis sind vielleicht die Spitze des Eisberges, aber Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Kapitalismus und so weiter gibt es überall, und sie sorgen überall dafür, dass Menschen eingeschränkt, angegriffen und unterdrückt werden. Die NFJ bemüht sich, Herrschaftsverhältnisse nicht wie eine Aufzählung nacheinander zu denken, sondern zu verstehen, wie sie miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig beeinflussen. So wollen wir verhindern, dass wir gegen ein bestimmtes Herrschaftsverhältnis kämpfen und dabei ein anderes hinten runterfällt.

Warum engagierst du dich in einer Initiative mit anderen Menschen und nicht alleine?
Alleine macht es doch keinen Spaß... :) Nein, im Ernst, so abgedroschen es klingt: Zusammen kann man einfach mehr erreichen. Ich glaube zwar, dass es eine ganze Reihe Dinge gibt, die jede*r allein in seinem*ihrem Alltag machen kann, mit anderen diskutieren zum Beispiel, oder bei einer rassistischen Beleidigung eingreifen. Aber ein Sommercamp kann ich nicht allein organisieren, dafür fehlt mir nicht nur Kraft, Zeit und Erfahrung, sondern auch schlicht das Geld. Zusammen ist das alles kaum ein Problem, und es ist auch noch ziemlich lustig dabei.
Abgesehen davon bin ich kein fehlerfreies Superbrain, und ich kann mir nicht alle Kritik allein zusammendenken. Das meiste lerne ich immer noch in Diskussionen mit anderen, und ich brauche Leute, die mich kritisieren oder darauf aufmerksam machen, dass ich irgendwas nicht bedacht habe. Ich glaube, dass es kaum jemanden gibt, der*die allein alles auf dem Schirm haben kann.

Glaubst du dass eure Aktivitäten etwas in der Gesellschaft verändern können? Denkst du dass eure Arbeit etwas bei anderen Menschen bewirkt?
Tja, das ist ja immer die große Frage, die man sich in depressiven Wintermomenten stellt. Werfen wir nicht unsere Lebenszeit weg für eine Utopie, die eh niemanden interessiert? Ich glaube, dass es wichtig ist, sich die Erfolge anzusehen, und wenn sie noch so klein und banal sind. Wenn wir ein Seminar zu Rassismus machen, und vielleicht eine Person kommt, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat, und wenn diese Person vielleicht beim nächsten Mal den Mund aufmacht, wenn in der U-Bahn jemand rassistisch beleidigt wird, dann ist das für mich ein großer Erfolg. Oder wenn wir eine Party organisieren, auf der alle ihren Spaß haben können, ohne Mackern und Grabschereien ausgesetzt zu sein. Oder wenn wir eine Broschüre rausgeben, die vielleicht einer Hand voll Leuten einen Denkanstoß gibt. Letztlich besteht eine Gesellschaft ja auch nur aus Menschen, die mit ihrem Verhalten Herrschaftsverhältnisse reproduzieren – oder sich eben damit auseinandersetzen und versuchen, das nicht zu tun. Wenn wir alle auch nur einen Menschen davon überzeugen, sich kritisch mit den Verhältnissen zu beschäftigen, ist schon viel gewonnen. Und die Welt verändern ist dann nur noch eine Frage der Zeit :)

Hat deine Aktivität bei der NFJ auch Auswirkungen auf deinen Alltag?
Ja, ganz schön viel... Politisches Engagement hat wohl meistens eine Auswirkung auf den Alltag, allein durch die Zeit, die man da reinsteckt. Grade in einer etwas größeren Gruppe wie der NFJ gibt es immer irgendeine Baustelle, für die man sich verantwortlich fühlen und wo man all seine Zeit reinbuttern kann. Außerdem sind viele meiner Freund*innen bei der NFJ, und umgekehrt habe ich viele auch erst dort kennen gelernt. Nicht zuletzt habe ich durch die NFJ wahnsinnig viel gelernt – nicht nur politisch, sondern auch, was den Umgang untereinander angeht. Wir legen sehr viel Wert auf gute Stimmung untereinander, auf sensibles Redeverhalten, auf das Aussprechen von Konflikten und das Vermeiden von internen Hierarchien. Wir wollen, dass Wohlfühlstimmung nicht nur ein Fernziel im Kommunismus, sondern auch Atmosphäre in unser Gruppe ist. Das hat sich auf jeden Fall auf meinen Alltag und meinen Umgang mit Menschen ausgewirkt, worüber ich sehr froh bin.

Und zum Schluss, beende diesen Satz „Ich hab kein Bock auf Nazis, weil….“
… sie eine dumme Schweinebande sind, die anderen Leuten das Leben schwer macht. Und weil sie ungefähr das Gegenteil von dem sind, was ich mir für eine befreite Gesellschaft wünsche.