Verschwende Deine Jugend! - Infos zu Schulkritik

Bildung ist super? Wenn es dabei um das bloße Aneignen von Wissen und die Förderung selbstbestimmter Individuen geht, dann schon. Aber das hiesige Bildungssystem hat damit nicht viel zu tun. Denn Schule vermittelt selten das, was wir wissen wollen. Vielmehr bereitet sie uns auf eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft vor, durch Erziehung, soziales Aussieben und die Verinnerlichung von Hierarchien. Neben den Hausaufgaben sollen wir uns im Verein engagieren, um so soziale Fähigkeiten auszubilden, damit wir auch später auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Chillen vor dem Fernseher ist nicht mehr.
Deshalb veranstelteten die Jungedemokrat_innen/ Junge Linke Brandenburg vom 7. - 9. August 2009 ein bildungskritisches Spektakel. Dabei handelte es sich um ein Wochenende voller Workshops, Konzerte, Diskussionen und Filmvorführungen. Es gab viel Raum zum Entspannen, Baden gehen und Feiern. In verschiedenen Workshops wurde ergründet, was Schule mit Herrschaft zu tun hat und wie eine emanzipatorische Bildungskritik aussehen könnte. Auf dieser Seite findet ihr den damaligen Aufruf zum Spektakel. Wir denken, dass dort einige spannende Informationen rund um das Thema Schulkritik zu finden sind. Daher ist dieser Text hier online.

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Verschwende deine Jugend!
Schulkritik heißt auch immer Gesellschaftskritik

Es ist morgens Viertel nach sechs und der Wecker klingelt. Mit noch verklebten Augen kriecht man aus der kuscheligen Schlummerhöhle, um sich dann tagein, tagaus in dasselbe, fast schon gefängnisähnliche Schulgebäude zu schleppen, in dem man von noch müderen Schüler_innen und frustrierten Lehrer_innen erwartet wird. In der ersten Stunde heißt es dann gleich: Gerade sitzen, artig sein und fleißig mitarbeiten, damit das Arbeits- und Sozialverhalten, sprich die Kopfnoten , die später auf der ersten Seite des Zeugnisses zu sehen sind, nicht schlecht ausfallen. In der nächsten Stunde gibt es dann den Mathetest zurück und es ist wieder nur eine Vier. Das bedeutet nicht nur jede Menge Ärger zu Hause mit den Eltern, sondern vor allem auch noch mehr Nachhilfe am Nachmittag – sofern man sich diese überhaupt leisten kann. Und das obwohl die wenige Freizeit, die neben der Schule und Hausaufgaben am Nachmittag noch bleibt, sowieso schon zukunftsorientiert durchgeplant sein soll: Das heißt Sport im Verband, um soziale Fähigkeiten auszubilden und fit zu bleiben, ein Auslandsjahr für bessere Fremdsprachenkenntnisse, freiwillige Hilfe bei der Organisation von Schulfesten und selbst in den Ferien soll man am besten noch ein Praktikum machen, um sich schon mal in verschiedenen Berufen auszuprobieren. Tja. Chillen vorm Fernseher is nich mehr.

Strenge Lehrpläne, Kopfnoten, blöde Lehrinhalte und autoritäre Lehrer_innen gibt es natürlich nicht zufällig. Schule ist ein Ort, der nicht los gelöst von der Gesellschaft funktioniert. Die Gesellschaft ist geprägt von Herrschaftsverhältnissen wie Rassismus, Kapitalismus und Sexismus. Und deshalb finden sich diese auch in der Schule wieder. So wird zum Beispiel vom Staat wird bestimmt was, wie und wo wir lernen. Schule soll nur scheinbar in erster Linie Wissen vermitteln, in Wirklichkeit aber geht es vor allem darum, die Schüler_innen auf das gut vorzubereiten, was sie später bis zur Rente erwarten wird: die Lohnarbeit und der Kampf auf dem Arbeitsmarkt.
Das beste Beispiel dafür ist die Bewertung (auswendig) gelernten Wissens durch die Noten von 1-6. Die Idee individuelles Können und qualitative Inhalte durch Zahlen zu beschreiben, ist an und für sich schon ziemlich bescheuert. Tests, Klassenarbeiten und Klausuren werden nicht geschrieben, um zu überprüfen, wie viel man bereits verstanden hat, sondern um Unterschiede zwischen den Schüler_innen herzustellen. Wenn zum Beispiel ein Thema in der Klasse besonders gut verstanden wurde und in der Klausur alle nur Einsen, Zweien und Dreien schreiben, kann die Lehrkraft eventuell damit rechnen, von der Bezirksverwaltung wegen zu guten Ergebnissen (andersherum geht es natürlich auch) ermahnt zu werden. Noten bestimmen ob man das nächste Schuljahr oder sogar das Abitur schafft, ob man auf eine Universität kommt und wer später wie viel arbeiten muss, um davon gut oder weniger gut leben zu können. Schule legt also die Grundstruktur für den eigenen sozialen Auf- oder Abstieg fest.
Außerdem fördert Schule die Anpassung von Menschen an Forderungen von außen: durch den steten Druck von Zensuren, Prüfungen und Aussortierungsprodzeduren, das passive Lernen, schlechte Arbeitsbedingungen (wie Schulbücher von 1990), das erzwungene Lernen von teilweise dubiosen Dingen (wen kümmert es schon im realen Leben was die Vorgänge der Mi-und Meiose sind?), die Repression der Lehrer_innen und Eltern etc. All das führt dazu, dass Leute Sachen nicht in Frage stellen und sich einschränken. Unser Selbstbewusstsein wird Stück für Stück kleingemacht. Gleichzeitig sollen Schüler_innen aber auch „erwachsen“ handeln, da die Zukunft ja eigenverantwortlich bestimmt würde. Dieses erwachsene Handeln drückt sich dann schlichtweg in Verhaltensweisen aus, die im Kapitalismus wichtig sind: Konkurrenzfähigkeit, Belastbarkeit, Ehrgeiz. Zukünftige Arbeitsteilungen werden hier hergestellt und verfestigt. Schule orientiert sich also im Kapitalismus zwangsläufig an den Bedingungen kapitalistischer Produktionsweisen und nicht an den Bedürfnissen der Menschen. Aus diesem Grund ist Schulkritik auch immer Kapitalismuskritik.

Aber auch, was Geschlechterverhältnisse betrifft, sieht es in der Schule ganz schön duster aus. Kinder und Jugendliche werden in Mädchen und Jungen eingeteilt und als solche in der Schule unterschiedlich behandelt. Von Mädchen wird angenommen, sie seien fleißig, strebsam und ordentlich. Jungen hingegen werden oft eher als faul und unaufmerksam, aber fähig angesehen. Wenn sie schlechte Noten bekommen sind sie eben einfach nur faul gewesen, bei Mädchen liegt es aber am fehlenden Können. Im Unterricht bekommen Jungen generell mehr Aufmerksamkeit durch Lob und Tadel als Mädchen. Dies führt oft dazu, dass Mädchen meist weniger selbstbewusst und stolz auf ihre Leistungen sind, weil sie häufig kein bis wenig Feedback bekommen.
Außerdem werden schon in der Schule künftige Machtstrukturen vorgelebt: Je höher die berufliche Position im Schulbetrieb, desto weniger Frauen üben sie aus. So sind in der Grundschule die meisten Lehrenden weiblich, die Schulleitungen sind in den allermeisten Fällen von Männern besetzt.
Auch beim Thema Sprache werden Mädchen und Frauen in der Schule vernachlässigt. Die Rede ist immer nur von „den Schülern“ und „der Schülervertretung“. Aus Bequemlichkeit oder oft auch ganz bewusst, wird also konsequent eine Hälfte der Schüler_innen nicht angesprochen. Bei einem Blick in verschiedene Schulbücher findet man in vielen immer noch uralte stereotype Geschlechterbilder präsentiert. In ihnen werden männliche Individuen als Handlungsträger dargestellt. Frauen verweilen meist nur an deren Seite und sind für den Haushalt, die Kinder und die Gefühle zuständig. Von Lehrkräften wird dies nur selten thematisiert.

Das selbe lässt sich auch in Bezug auf Antisemitismus in Schulbüchern sagen. In dem von verschiedenen Schulbehörden empfohlenen Geschichtsbuch „Anno“ aus dem Westermann Verlag von 1997 wird ohne jegliche Aufklärung über Ursachen und geschichtliche Zusammenhänge behauptet: „Eine Sonderrolle spielten die Juden in den mittelalterlichen Städten“, weil sie „hohe Zinsen“ nahmen: „Für viele Christen waren ihre Schulden bei den Juden erdrückend. Der Reichtum weckte Neid und Haß.“
Die vielen Progrome an Jüdinnen und Juden im Spätmittelalter finden entweder überhaupt gar keine Erwähnung, oder es wird in diesem Zusammenhang von Auswanderung und Vertreibung gesprochen, was nicht nur schlichtweg falsch, sondern vor allem extrem relativierend ist. Auch wissen die wenigsten Schüler_innen, dass Martin Luther antisemitische Verfolgungen befürwortete, ja sogar forderte. Das liegt wahrscheinlich daran, dass neben dem Kinoausflug zu „Luther“ und der Exkursion nach Wittenberg einfach keine Zeit mehr blieb, einmal über Luthers Pamphlet „Von Juden und ihren Lügen“ (1543) zu sprechen. In diesem ruft er nämlich zur Verbrennung von Büchern und Synagogen und zur Versklavung der jüdischen Bevölkerung auf.

Dies sind nur einige wenige Gründe, warum wir der Meinung sind, Schule in ihrer jetzigen Form gehört abgeschafft! Bildungspolitik kann nicht unabhängig von gesamtgesellschaftlichen Prozessen betrachtet werden. Daher heißt es für uns: Schulkritik ist und bleibt Gesellschaftskritik!

Dieser Text ist von den Jungdemokrat_innen/ Junge Linke Brandenburg
Mehr Infos zum vergangenen Spektakel und zur den Jungedemokrat_innen/ Junge Linke Brandenburg findet ihr unter www.jdjl-brandenburg.de